Harnabsatzstörungen bei Katzen

Blutiger Urin ist immer ein Alarmzeichen. Die Ursachen sind vielfältig. Welche das sind und wieso ein dringender Tierarztbesuch – insbesondere beim Kater – zwingend nötig ist, erklärt der folgende Bericht.

Von Dr. med. vet. Carmen Meichtry

harnabsatz

Erkrankungen der unteren Harnwege (FLUTD = Feline Lower Urinary Tract Disease) sind häufig der Grund für einen dringenden oder gar notfallmässigen Tierarztbesuch. FLUTD ist ein bei Katzen häufig auftretender Krankheitskomplex der ableitenden unteren Harnwege (Harnblase und Harnröhre). Es handelt sich hinsichtlich Ursachen und Entstehung um verschiedene Erkrankungen. Die Symptomatik ist oft ähnlich: Häufiges Aufsuchen der Katzentoilette, Schmerzen beim Urinabsatz, blutiger Urin, urinieren an ungewöhnlichen Orten oder direkt neben der Katzentoilette, bis hin zu tröpfelndem oder ganz fehlendem Urinabsatz. Die Ursachen sind wie erwähnt sehr vielfältig und oft geschlechtsabhängig. In den ableitenden unteren Harnwegen besteht zwischen der Kätzin und dem Kater ein grosser anatomischer Unterschied, welcher hauptverantwortlich ist für diese ungleiche Anfälligkeit. Beim Kater und allgemein bei männlichen Tieren ist der Durchmesser der Harnröhre viel geringer als bei weiblichen Tieren. Die Harnröhre des Katers ist eng und lang, die der Kätzin breit und kurz. Diese Tatsache prädisponiert den Kater dazu, an Verstopfungen der Harnröhre zu leiden (Urethra Obstruktion). Die Kätzin leidet häufiger an aufsteigenden bakteriellen Infektionen.

Blasenentzündung

Blutiger Urin ist immer ein Alarmzeichen und sollte zwingend dem Tierarzt vorgestellt werden. Eine mögliche und häufige Ursache bei der Kätzin ist die Blasenentzündung (Cystitis). Es ist sehr wichtig, zwischen der bakteriellen und der sterilen Blasenentzündung zu unterscheiden. Die Bestätigung einer Harnwegsinfektion (bakterielle Cystitis) ist der Nachweis von Bakterien im Urin. Dazu wird unter sterilen Bedingungen die Harnblase von aussen punktiert. Die so gewonnene Urinprobe wird zur Untersuchung ins Labor geschickt. Können Bakterien im Urin angezüchtet und damit nachgewiesen werden, handelt es sich um eine bakterielle Blasenentzündung. Für eine gezielte antibiotische Behandlung ist ein Antibiogramm grundlegend. Mit Hilfe dieses zusätzlichen Tests kann im Labor festgestellt werden, welche Antibiotika gegen die verursachenden Bakterien am besten wirksam sind.

In den meisten Fällen heilt die Blasenentzündung innerhalb von vier bis sieben Tagen komplikationslos ab. Unterstützend werden schmerzlindernde und entzündungshemmende Medikamente eingesetzt. Kätzinnen sind aufgrund der erwähnten anatomischen Bedingungen (kurze und breite Harnröhre) prädisponiert und somit häufiger davon betroffen als Kater.

Bleibt die Urinkultur steril, ist keine Infektion ursächlich für die Blasenentzündung und somit sind therapeutisch keine Antibiotika indiziert! Oft ist Stress oder Unwohlsein der Auslöser für diese sterile Blasenentzündung und man spricht von der sogenannten «Stress-Cystitis» oder «Stress- Blase». Katzen können sich grundsätzlich durch kleinste Veränderungen im Alltag gestört fühlen und mit Stress reagieren. Harnmarkieren oder der Verlust der Stubenreinheit sind zwei häufige Verhaltensweisen, um Unbehagen auszudrücken. Ist die Katze mit einer bestimmten Situation überfordert, entwickelt sie häufig eine sterile Blasenentzündung. Es können sowohl Kätzinnen wie auch Kater betroffen sein. Ursächliche Stressfaktoren können im Vorbericht des Besitzers erkennbar sein, wie zum Beispiel: Vor kurzem umgezogen, ein neues Sofa im Haus, ein Kind ist auf die Welt gekommen, eine Baustelle verursacht viel Lärm, ein neues Haustier wurde angeschafft oder in der Nachbarschaft gibt es neue Katzen. Häufig sind die Ursachen jedoch viel diskreter: Ein neues Parfüm, ein anderes Putzmittel für die Katzentoilette, neuer Katzensand, neues Futter usw. Nicht selten bleibt der stressauslösende Faktor unbekannt. Dann spricht man von der sogenannten idiopathischen Cystitis. Es handelt sich dabei um eine sterile Blasenentzündung ohne erkennbare Ursache. Die Therapie unterscheidet sich grundlegend von derjenigen der bakteriellen Blasenentzündung. Ist der Stressfaktor bekannt, sollte man diesen nach Möglichkeit eliminieren. Entzündungshemmende und schmerzlindernde Medikamente sollten auf jeden Fall eingesetzt werden. Unterstützend können Hormone (sogenannte Pheromone), ätherische Öle oder auch Ergänzungsfuttermittel (Proteine) zur Stressreduktion eingesetzt bzw. verabreicht werden. Falls diese Massnahmen nicht ausreichen, stehen weitere Medikamente zur Stressreduktion zur Verfügung.

Bei jedem Verdacht auf eine bakterielle oder sterile Blasenentzündung muss das Vorhandensein von Blasensteinen als weitere mögliche Ursache ausgeschlossen werden.

Blasensteine

Immer wiederkehrende (rezidivierende) Blasenentzündungen, Unsauberkeit, blutiger Urin, pressen oder Schmerzen beim Urinabsatz sind typische Symptome bei Blasensteinen. Ursächlich ist meistens ein multifaktorielles Geschehen. Blasensteine bilden sich, wenn die Chemie im Urin nicht mehr stimmt. Katzen scheiden genau wie wir Menschen mit dem Urin viele verschiedene Stoffe in Form von Mineralsalzen aus, wie Kalzium, Phosphat und Magnesium. Normalerweise sind diese Salze im Urin gelöst (wie in Wasser aufgelöstes Kochsalz). Wenn die Menge der Salze zu gross wird und der Urin damit stark übersättigt ist, können sie sich zu Kristallen verbinden (vgl. zu viel Salz löst sich nicht mehr im Wasser auf). Diese Kristalle sind wie sehr feiner Sand. Zahlreiche solche kleinste Harnkristalle werden als Harngriess bezeichnet, welcher beim Kater bereits zu lebensbedrohenden Verstopfungen der Harnröhre führen kann. Die Kätzin vermag diesen meistens symptomlos auszuscheiden. Aus Harngriess können sich zentimetergrosse Steine entwickeln. Die Mineralstoffzusammensetzung des Futters, die Wasserversorgung sowie bakterielle Blaseninfektionen spielen bei der Entstehung von Steinen oft eine wichtige Rolle. Mitentscheidend und grundlegend für die Art des sich bildenden Steines ist der pH-Wert des Urins.

Mit Hilfe von bildgebenden Untersuchungsmethoden wie Röntgen und Ultraschall können Steine diagnostiziert und lokalisiert werden. Steine in der Harnblase sind meistens kein Notfall, solange sie in der Harnblase bleiben. Das ist bei grossen Steinen oft der Fall. Kleine Steinchen können beim Urinabsetzen plötzlich abgeschwemmt werden und vor allem beim Kater in der Harnröhre stecken bleiben (siehe Urethra Obstruktion beim Kater).

Therapeutisch kann Harngriess oft durch eine spezielle Diät aufgelöst werden. Kleine Steinchen können bei der Kätzin zum Teil erfolgreich herausgespült oder endoskopisch entfernt werden. Grosse Steine werden in der Regel operativ aus der Blase entfernt. Durch eine Futterumstellung auf eine Spezialdiät kann der pH-Wert des Urins so beeinflusst bzw. verändert werden, dass einer erneuten Bildung von Steinen verlässlich entgegengewirkt werden kann.

Urethra Obstruktion beim Kater

Urinabsatzstörungen beim Kater sind immer ein Notfall! Es besteht die Gefahr, dass bereits Harngriess, Harnkonkremente, Entzündungsprodukte (Proteine, Blut), Kristalle oder kleinste Steinchen die dünne und lange Harnröhre verstopfen. Betroffene Kater versuchen sehr häufig, verzweifelt Urin abzusetzen, doch es geht nicht. Die Blase wird immer grösser und grösser.

Es kommt zum Rückstau über die Ureteren (=Harnleiter) bis hin zu den Nieren. Bleibt dieser überhöhte Druck bestehen, erleiden die Nieren irreversiblen Schaden. Je länger dieser Zustand andauert, desto geringer wird die Chance auf Heilung. Darum muss ein Kater mit Verdacht auf eine Obstruktion der Harnröhre immer und sofort einem Tierarzt vorgestellt werden. Die Blockade muss gelöst werden, damit der Urin von der Blase wieder abfliessen kann. Dazu muss ein Harnkatheter gelegt werden. Neben der intravenösen Flüssigkeitstherapie müssen schmerzstillende und entzündungshemmende Medikamente eingesetzt werden. Der Einsatz von Antibiotika erfolgt nur wenn nötig und idealerweise nach Antibiogramm. Eine Futterumstellung sowie eine stressfreie Umgebung und Haltung sind wichtige Eckpfeiler für den Therapieerfolg!

Leider gibt es immer wieder Kater, welche trotz Therapie, Futterumstellung und Haltungsanpassung zeitnah mehrmals rückfällig werden. Diese chronisch-obstruktiven Harnwegserkrankungen als Folge einer Ansammlung von Harnkonkrementen können effektiv durch eine perineale Urethrostomie chirurgisch behandelt werden. Bei dieser Operation wird die Harnröhre des Katers gekürzt und eine grössere Harnwegsöffnung geschaffen. Einer erneuten Obstruktion ist somit vorgebeugt.

Neoplasien (Tumor-Erkrankungen)

Blutiger Urin und Harnabsatzstörungen können – zum Glück selten, aber nicht zu vernachlässigen – auch durch eine neoplastische Erkrankung der Harnwege verursacht werden.

Eine eingehende Abhandlung neoplastischer Erkrankungen würde den Rahmen dieses Berichtes sprengen. Darum seien diese hier lediglich als weitere mögliche Ursache von Harnabsatzbeschwerden erwähnt.

Quelle: weltdertiere.ch

© Dr. med. vet. Carmen Meichtry kommt ursprünglich aus dem Wallis, liebt ihren Beruf und lebt ihn mit viel Leidenschaft! Nach absolviertem Veterinärmedizin- Studium und Doktorat an der Vetsuisse- Fakultät in Bern folgten diverse Anstellungen, darunter als Assistenztierärztin in der Tierklinik am Kreis in Netstal und als stellvertretende Praxisleiterin der Tierarztpraxis am Homberg in Wangen bei Olten. Seit 2018 ist Dr. med. vet. Carmen Meichtry leitende Tierärztin der MeikoVet Kleintierpraxis in Lyssach.