Gesunde Zähne ohne Stress

Ein schönes, intaktes Gebiss ist mehr als nur eine Frage der Ästhetik. Wenn die Zahnpflege nur nicht so mühsam wäre. Muss sie aber gar nicht sein. Dr. med. vet. Natalie Dillitzer hätte da ein paar praktische Tipps.


Interview von Martina Monti

zaehne

«Welt der Tiere»: Natalie Dillitzer, sie zählt nicht wirklich zu den Aktivitäten, denen Hund und Halter mit Leidenschaft nachgehen, aber die regelmässige Zahnpflege des Vierbeiners wird Haltern dringend ans Herz gelegt, warum?

Natalie Dillitzer: Weil Erkrankungen von Zahn und Zahnfleisch die Gesundheit des Tieres insgesamt gefährden können. Eine unbehandelte Parodontitis beispielsweise wirkt sich als permanenter Entzündungsherd auf den gesamten Organismus aus. Es kann zu Herzmuskelentzündungen und Niereninsuffizienz kommen. Ausserdem verursacht eine Zahnfleischentzündung Schmerzen beim Fressen, die auf die Dauer eine ausreichende Nahrungsaufnahme oder auch das Verhalten beeinflussen können. Das sind jetzt nur zwei Beispiele für den Zusammenhang zwischen Zahn- und Maulhygiene und der Lebensqualität bzw. -erwartung eines Tieres.

«Welt der Tiere»: Was zeichnet denn zum Beispiel das gesunde Hundegebiss aus?

Natalie Dillitzer: Vor allem ein nicht gerötetes, nicht blutendes Zahnfleisch, das die Zähne fest umschliesst, von denen im besten Fall alle 42 vorhanden sind. Die sind wiederum frei von Zahnstein und Plaque, weisen weder Karies noch Schmelzabrieb auf, und der Hund stinkt nicht aus dem Maul. Darüber hinaus gibt es auch noch andere Parameter wie Entwicklung, Stellung und Belastung der Zähne und ausreichender Speichelfluss.

«Welt der Tiere»: Aus welchen Elementen besteht ein optimales Zahnpflegeprogramm?

Natalie Dillitzer: Aus täglichem Zähneputzen mit Bürste und Wasser oder Zahnpasta, wobei die Regelmässigkeit ganz nebenbei den grossen Vorteil hat, dass Sie Veränderungen oder Verletzungen im Maul früh genug
bemerken und gegebenenfalls behandeln lassen können. Mindestens einmal jährlich sollte der Tierarzt eine Kontrolle durchführen. Arzt oder Ärztin führen bei Bedarf auch eine Zahnsteinentfernung durch, dafür muss der Hund dann sediert werden.

«Welt der Tiere»: Und wann sollte man mit der Pflege beginnen, schon beim Welpengebiss oder nach dem Zahnwechsel?

Natalie Dillitzer: So früh wie möglich. Milchzähne fallen zwar aus und werden von den bleibenden Zähnen ersetzt. Folglich hat das Zähneputzen für die Milchzähne keinen Nutzen, aber sobald die bleibenden Zähne durchbrechen, duldet das Tier bereits die Prozedur. Es ist nämlich bei Weitem einfacher, Hundewelpen an das Reinigen der Zähne zu gewöhnen als ältere Tiere.

«Welt der Tiere»: Die Frage ist ja nur, wie? Vielfach artet das Ganze in Stress aus, auf den Halter wie Hunde liebend gern verzichten und es deshalb mit der Zahnpflege nicht so genau nehmen …

Natalie Dillitzer: Grundsätzlich schrittweise und in Kooperation mit dem Vierbeiner. Hund oder auch Katze ohne Vorbereitung mit einer Bürste im Maul herumzufuhrwerken, nach dem Motto, «da muss er oder sie jetzt durch und je schneller desto besser» – damit wird das Ganze nicht nur zur Tortur, sondern auch ein Vorgang, bei dem man das Tier unter Umständen verletzt. Und für die Beziehung ist ein derartiges Vorgehen auch nicht gerade gesund.

«Welt der Tiere»: Beginnen wir mit den Rahmenbedingungen für eine erfolgreiche Gewöhnung; worauf sollte ich achten?

Natalie Dillitzer: Auf eine bequeme Position für Tier und Besitzer. Kleine Hunde und Katzen kann man auf den Schoss nehmen, eine andere Möglichkeit und auch für grössere Grössen geeignet ist der Tisch oder eine angenehme Unterlage auf dem Boden. Aber egal, wo Sie das Ganze trainieren: Vergessen Sie nicht, Ihr Tier zur Beruhigung zu streicheln und dafür immer auch wieder Pausen einzulegen. Am praktischsten wäre, wenn Sie zu zweit sind: Eine Person kann sich um das tierische Wohlgefühl kümmern, die andere um die Zahnreinigung. Und wie immer, wenn Sie Ihrem Tier nicht schon aus der Ferne vermitteln wollen, dass es jetzt ernst wird – nähern Sie sich seitlich und nicht frontal an.

«Welt der Tiere»: Ein Wort zu den Utensilien, Zahnbürste oder Fingerling? Welche Borstenstärke? Zahnpasta ja/nein und wenn ja, können wir unsere mit dem Tier teilen?

Natalie Dillitzer: Zum letzten Punkt – nein, denn unsere Zahnpasta kann aufgrund eines hohen Fluorid-Gehaltes zu chronischen Vergiftungserscheinungen führen. Es würde im Übrigen auch völlig ausreichen, nur mit Wasser zu putzen. Aber die Tierzahnpasten enthalten Geschmacksstoffe, die das Angewöhnen wie auch das Durchhalten bei der Zahnpflege sehr erleichtern. Die Bürsten sollten der Grösse des Tieres angepasst sein und so geformt, dass Sie möglichst überall hinkommen. Empfehlenswert ist die Stärke mittel oder weich. Fingerlinge oder auch ein um den Finger gewickeltes Stück Stoff oder Gaze sind komfortabler für alle Beteiligten, aber in der Entfernung von Plaque nicht so effektiv wie Bürsten. Trotzdem ist ihr Einsatz zumindest in der Gewöhnungsphase durchaus sinnvoll.

«Welt der Tiere»: Was ist von Enzymprodukten zu halten, die man nur aufsprayen muss?

Natalie Dillitzer: Sie sind weit weniger wirksam und ersetzen von daher die mechanische Reinigung nicht, können sie aber ergänzen.

«Welt der Tiere»: Kommen wir zum richtigen, weil möglichst angenehmen Vorgehen bei der Angewöhnung; was muss ich beachten?

Natalie Dillitzer: Beginnen Sie mit wenigen Zähnen, am besten mit den Backenzähnen, weil das Anheben der Lefzen gewöhnlich besser toleriert wird als das Hochschieben der Nase. Steigern Sie die Zahl der zu reinigenden Zähne von Mal zu Mal, bis das ganze Gebiss in einer «Sitzung» gereinigt werden kann. Zu Beginn öffnen Sie den Kiefer noch nicht, sondern konzentrieren sich auf die backenseitigen Zahnflächen mit Augenmerk auf den Zahnfleischrand. Nach einer gewissen Gewöhnung an dieses Prozedere versuchen Sie, den Kiefer vorsichtig zu öffnen, um an die gaumen- und zungenseitigen Zähne zu kommen. Seien Sie geduldig, wenn es nicht sofort klappt, aber bleiben Sie bitte dran und versuchen Sie es einfach beim nächsten Mal erneut. Ganz wichtig bei allem: Ruhig bleiben, viel loben, kleine Pausen zum Atemholen einbauen, nichts erzwingen wollen – schon gar nicht mit Gewalt – und achten Sie auf die Reaktion Ihres Tieres. Wenn Sie merken, dass nichts mehr geht, dann lassen Sie es für den Tag gut sein. Belohnen Sie Ihren Vierbeiner mit einem Spiel oder Spaziergang. Und am folgenden Tag geht es dann weiter.

«Welt der Tiere»: Noch ein paar Anmerkungen zur richtigen Putztechnik?

Natalie Dillitzer: Zähne und Zahnfleisch mit kreisförmigen oder seitwärts gerichteten Bewegungen reinigen, dazu Zahnbürste im 45°-Winkel zur Zahnoberfläche halten und darauf achten, Zähne nicht durch zu starken Abrieb zu schädigen und das Zahnfleisch nicht zu verletzen.

«Welt der Tiere»: Stichwort Ernährung. Wie ist ein Futter beschaffen, das für ein gesundes Gebiss sorgt?

Natalie Dillitzer: Entscheidend sind hierfür drei Kriterien – die Textur und Konsistenz des Futters sowie seine Inhaltsstoffe, die richtig und ausgewogen dosiert sein sollten. Nicht förderlich ist ein unstrukturiertes Dosenfutter. Es muss nur wenig gekaut werden, das führt schnell zu einer vermehrten Plaquebildung, was wiederum die Entstehung von Parodontalerkrankungen begünstigt. Trockenfutter ist übrigens nicht grundsätzlich besser, Studien haben gezeigt, dass die Bildung von Plaque hier vergleichbar mit der bei Nassfutter ist. Stattdessen ist alles empfehlenswert, was die Kauaktivität anregt. Das können Kauartikel, grosse Fleischstücke in der Barf-Ration oder auch Hundekuchen sein. Es ist in Studien nachgewiesen, dass speziell entwickelte Zahnpflege-Diäten und -Kauprodukte mit besonderen Struktureigenschaften Zahnablagerungen und Entzündungen des Zahnfleisches reduzieren, weil sie den Selbstreinigungseffekt der Zähne durch das Kauen unterstützen. Entsprechende Futtermittel sind mit dem Gütesiegel des Veterinary Oral Health Council VOHC gekennzeichnet. Bei Kauartikeln am besten zur relativ kalorien armen Variante mit langem Kauvergnügen greifen, z. B. getrocknete Unterhaut. Nicht geeignet sind Markknochen oder mineralisierte Röhrenknochen vom Rind. Sie können zu Frakturen führen. Aber auch hier der Hinweis: Auch Kauartikel und eine gesundheitsfördernde Ernährung ersetzen keinesfalls die Zahnbürste!


Quelle: weltdertiere.ch
Martina Monti ist freie Journalistin/Autorin und arbeitet seit über zehn Jahren als Freiwillige in der Hundebetreuung des Tierheims Pfötli.